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Blenden wir kurz die Frage nach dem »Warum« aus und lassen uns auf ein Gedankenexperiment ein.

Wir versuchen, zumindest ansatzweise, die menschliche Artikulationsform des Sprechens zu dekonstruieren. Damit es einfacher wird, achten wir nicht auf Semantisches, denn dann würde es gleich viel zu kompliziert. Wenn wir also das Sprechen dekonstruieren möchten, ohne dabei vermittelte Bedeutung in den Fokus zu rücken, dann begeben wir uns zunächst auf die Ebene der Akustik. Klangfarbe, Melodie, Reibung und nicht zuletzt die Lautstärke regulieren bzw. konstituieren unser Sprechen jenseits von bedeutungsvollen Buchstaben, Worten und Sätzen. Betrachtet man dabei dezidiert die Lautstärke – physikalisch gesehen wohl das grundlegendste Maß des Sprechens – dann wird deutlich, dass Sprechen in unterschiedlichen Intensitäten stattfindet, die sich zwischen zwei Extremen bewegen, zwischen völliger Stille und maximaler Lautstärke. Oder anders: zwischen Schweigen und Schreien.

Diese Pole bilden wichtige Grenzpunkte menschlicher Interaktion, so dass sich überspitzt formulieren ließe: Zwischen Schweigen und Schreien findet das Leben statt.

Die vorliegende Ausgabe #6 des OFF TOPIC Magazins interessiert sich für dieses Kräftefeld mit all seinen materiellen und semantischen Implikationen. Die Unübersichtlichkeit und die potentielle Unendlichkeit all dessen, das sich darauf und dazwischen abspielen kann, hat allerdings zur Folge, dass immer nur kurze Schlaglichter auf die beiden Pole des Schweigens und des Schreien geworfen werden können, ohne sich dabei einer holistischen Begriffsklärung zu verschreiben. Die Beiträge der beteiligten Autorinnen und Autoren, entwickeln verschiedenste, exemplarische und abseitige Auseinandersetzungen mit Momenten des Schweigens und Schreiens, ohne dabei einer gemeinsamen Fragestellung zu folgen. Zwischen ihnen schwingt stets auch Unausgesprochenes und Unerhörtes mit – und wie immer gäbe es noch weitaus mehr zu sagen.

Der Vielfalt ihres Themenschwerpunktes nähert sich die #6 auch in materieller Form. Jeder Beitrag steht für sich und kann von den anderen unabhängig erfasst werden. Alle zusammen eröffnen einen Assoziationsraum, welcher auf den Diskussionen und Überlegungen der Redaktion basiert, ohne dabei jedoch eine bestimmte Choreographie vorzugeben. Es bleibt den Lesenden und Betrachtenden überlassen, mit welchem der einzelnen Beiträge sie beginnen oder enden möchten.

Die Redaktion ermuntert dazu, sich auf diesen Entscheidungsprozess einzulassen.

Die Redaktion.