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Es gehört zum programmatischen Ansatz von off topic, einen topischen Teil an jeweils einer Geste zu definieren, die in Verbindung mit der theoretischen Reflexion über Medien und dem künstlerischen und sozialen Einsatz von Medien gebracht werden will; dafür sucht und untersucht off topic medial zu verstehende Verben, ob einmalige Taten, oder prozesshafte Aktivitäten. So war die Nullnummer von off topic den Praxen und Prozessen des Übersetzens gewidmet; darauf kamen das Aufräumen der #1 und das Beschweren der #2.
off topic #3 nimmt für sich Ausnahme und Norm dieses topischen Formats in Anspruch: es sind in diesem Heft Gesten gemeint, die sich zusammen – als Gegenüber und Nacheinander – eine Bedeutung in der medialen Landschaft zusprechen. Es geht um ein Handlungspaar, eine Zusammenführung in der Form des mit-und-nicht-ohne, oder auch jener des für-mit-gegen: unterbrechen | wiederholen.
Es gibt keinen kommunikativen Prozess jenseits von Unterbrechung und Wiederholung; sowohl Diskurs wie Dialog können sich weder empirisch, noch metaphorisch oder sogar programmatisch davon frei stellen.
Mit den spezifischeren tele-kommunikativen Aspekten von Unterbrechung und Wiederholung haben Theoretiker, Techniker und Kunstschaffende reichlich Erfahrung gesammelt. Signalübertragungen werden unterbrochen, Wahleingaben wiederholt; Botschaften unterbrochen, Nachrichten wiederholt. Dabei geht es nicht unbedingt um Störungen oder Fehlfunktionen, sondern eher um Phänomene, die nah an der »Substanz« des jeweiligen Mediums sind.
Versteht man die ausgewählten Gesten »ganz formal«, lassen sich Bezüge finden, die die Unterbrechung als jene spezifische Operation der Diskretisierung angeben, die gemeinsam mit der Wiederholung als Baustein von Kombinatorik und (zeitbasierter) Komposition zu betrachten gilt.
Das unter-Brechen – das in-einzelne-Einheiten-Brechen, das Ununterbrochene-diskret-Machen – ist eine räumliche Handlung, die gerne eine zeitliche Rangordnung der Einheiten produziert.
Die zeitliche Dimension des Unterbrechens wird umso relevanter in Verbindung mit der Möglichkeit des Wiederholens. So spricht Walter Benjamin im Zusammenhang mit dem Aktionstheater von einem »zitierbaren Gestus«, der sich daraus ergibt, dass man Handlungen unterbricht, und sie dadurch wiederholbar macht: »Gesten erhalten wir um so mehr, je häufiger wir einen Handelnden unterbrechen« (Walter Benjamin, GS II.2, S. 521). Dadurch dass die Geste die Zeit unterbricht, erhebt sie ihren Anspruch auf Bedeutsamkeit, sie wird einmalig (durch Unterbrechung), und gleichzeitig (durch Wiederholung) »zitierbar«.
In dieser Korrelation mutieren die scheinbar kontradiktorischen Begriffe unterbrechen | wiederholen zu einem eng verzahnten Begriffspaar mit eigener »Mechanik«.
»Friktion«, der physikalische Begriff, der sich auf Phänomene wie Unberechenbarkeit, Unvorhersehbarkeit oder Kontingenz bezieht, konstituiert etwa in audiovisuellen Medien jenen Moment der Verunsicherung, der zur Inversion einer Handlung, nicht zuletzt durch Wiederholbarkeit ihrer Segmente führen kann. Kontingenz, ein Parameter der Friktion und (philosophische) Gegenspielerin der Notwendigkeit, steht dabei für einen Status der Ungewissheit und Offenheit möglicher künftiger Entwicklungen. Zwischen den prozessualen Kategorien »nicht mehr« und »noch nicht« kann jedes Geschehen von Anfang an beginnen. Das (zeitlich unvorhergesehene) Zusammenfallen zweier Ereignisse bzw. deren räumlich gemeinsames Auftreten oder gar Verbundenheit konnotieren andererseits die Zweideutigkeit einer Kontingenz, die Unterbrechung einer Handlung zum Sprungbrett potentieller Wiederholung ihrer Komponenten macht.
Von Abweichung über Déjà vu, Ellipse, Fetisch, Geistesblitz, Verzögerung bis Wiederholungszwang u. a. – alle erdenklichen Friktionen mit inbegriffen.
Die prozesshafte Anwendung des Handlungspaares unterbrechen|wiederholen wird in den gesammelten Beiträgen so reflektiert,
dass Code, Komposition, Choreografie und Narration nicht so sehr als Produkte eines jeweils in sich geschlossenen Setups oder Systems zu verstehen sind, sondern vielmehr als Orte der Emergenz von Mustern und Bedeutungen gelten wollen, die man immer wieder neu verhandeln darf. Durchgehend nicht abgeschlossen; per definitionem offen (wenn interaktiv); dann Pause. Zum Abschluss erneut von Anfang an.

Mögen die Leserinnen und Leser in die zirkulierende Wiederholungsschleife dieser Ausgabe ihre eigenen Unterbrechungsmarken setzen.

Die Redaktion