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Haben in Stein gemeißelte Botschaften mehr Gewicht als papierene? Im Wolkenheim-Kloster in China wiegt das Weltwissen schwer. Über einen Zeitraum von tausend Jahren wurde es in mehr als 14.000 Steinplatten geritzt. Diese steinerne Bibliothek lässt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen. Wahrheit, Bestäändigkeit und Unvergänglichkeit werden hier nicht nur behauptet sondern physisch ins Werk gesetzt. Die Schrift ist nicht nur Zeichen, sondern zeichnet den Stein, setzt ihm dauerhaft zu. Sie ist gravierend, sie beschwert den Stein, macht ihn zur Festplatte. Es ist eine bestechende Konservierungsmethode.

Was aber heißt gegenwärtig beschweren? Wenn vom Beschweren die Rede ist, so ist damit meistens der Vorgang des Beanstandens, Bemängelns, Reklamierens gemeint. Die würtliche Bedeutung - "etwas schwer machen" - ist darüber in den Hintergrund geraten. Doch auch im Beschweren als Kulturtechnik steckt das Schwere, und zwar als Paradox: Wer sich beschwert, erleichtert sich und beschwert ein Gegenüber, beispielsweise einen Sachbearbeiter und dessen Schreibtisch, auf dem die Akten der Beschwerde als ein messbares Gewicht landen. Ist also beschweren als Datenverarbeitung nicht auch eine Frage von Gewicht? Auf jeden Fall ist eine Beschwerde meist schwere affektive Arbeit, der man am leichtesten mit einer performativen äußerung entgegentritt: "Ich bin diese Woche schwer erreichbar."
Die Rede von der Virtualität und Immaterialität von Daten lässt die tonnenschwere Hardware, das Gewicht materieller Datenträger, den realen Datenmüll gerne außer acht. Doch der Schwere der Daten, den Schwerdaten, entkommt man nicht, sie lassen sich nicht löschen. Sind sie einmal in Umlauf gebracht, existieren sie fort im medialen Kreislauf, sie vervielfältigen sich sogar. Sie haben damit ein ähnliches Schicksal wie die vielen Partikel, die als Weltraummüll im Orbit kreisen. Was passiert an den janusköpfigen Schnittstellen von Virtuellem und Materiellem? Wird etwas abgeladen, aufgeladen, entladen? Ist das Beschweren ein mühsamer Prozess, eine Rechenaufgabe, eine blitzartige Transformation? Als Reaktion auf die datenverliebte Medienkunst der 90er Jahre widmen sich aktuelle Arbeiten auffällig oft der materiellen Demontage des Medialen oder den gerade nicht abbaubaren, um so widerständigeren und schwerer wiegenden überbleibseln der Datentransfers.
Auch der menschliche Leib lässt sich - anders als das Visible Human Project versprach - immer noch nicht so leicht in eine Ansammlung von Daten verwandeln, die eindeutig Auskunft über krank oder gesund geben können: den Körper beschweren Sorgen und seine eigene Geschichte, vermeintlich körperliche Beschwerden sind ein kompliziertes Geflecht an Wunschvorstellungen, realen Bedrohungen von Leib und Leben, Normalitätswünschen und Risikokalkulationen. Wer sich beschwert, ist beschwert, hat Beschwerden. Beschwerden haben jedoch etwas merkwürdig Unbestimmtes, Unwägbares an sich. Sie sind symptomatisch und häufig gerade nicht einer bestimmten, behandelbaren Krankheit zuordenbar. Eher könnten sie als Anhaltspunkte für die charakteristischen Belastungen einer Gesellschaft, Kultur, Zeit gelesen werden: Einschränkungen und Schwächen werden schwer genommen oder verurteilt mit Worten wie 'schwer abhängig', 'schwer beschädigt', 'schwer erziehbar' und 'schwerst pflegebedürftig' (oder auch: 'schwer verliebt').
Ein weiterer Aspekt betrifft die Politik des Beschwerens. Spätestens in Kafkas Institutionenromanen wurde die beinahe übermenschliche Anstrengung einer Beschwerdeführung angesichts maschineller Datenverarbeitung erkennbar. Er erfand dafür eine eigene Sprache und literarische Logik. Gerade angesichts einer (mangelnden) Beschwerdekultur am Anfang des 21. Jahrhunderts scheint uns ein Projekt der Erfindung von Sprachen des Beschwerens wichtig. Denn nie war es schwerer sich zu beschweren als in einer Servicegesellschaft, die jegliche Beschwerde in FAQs und zertifizierten Beschwerdemanagementsystemen vorwegnimmt. Durch überinformation und die Adressierung des Bürgers als Konsument wird implizit ein Beschwerdeverbot ausgesprochen oder Beschwerden werden zumindest vorsorglich gezähmt. Aber dennoch: Zwischen Protestsongcontest, Streikakademie und Dokumentarismus artikulieren sich auch aktuell vielfältige Weisen des Beschwerens.
Das Beschweren hat nichts desto trotz einen entschieden negativen Beigeschmack . Ein notorischer Beschwerer erscheint als unsouveräner Querulant, er ist verhaltensauffällig, agiert übergriffig, unangepasst und scheint sich mit den gesellschaftlichen Spielregeln nicht auszukennen. Das kritische Potential, das sich als staatsbürgerlich-selbstbewusstes Einklagen des Rechts artikuliert, die Dramatik des Beschwerens als Lamento, dem ein ausgeklügeltes sprachliches Konzept zugrunde liegt, ist ins Abseits geraten. Brauchen wir eine neue Beschwerdekunst?
Beschweren interessiert uns auch als komplizierter medialer Prozess. Jede Beschwerde braucht ein Medium, jede Stimme braucht eine Formierung, ein (enges?) Ventil, sie muss sich materialisieren und wird auf dem Weg vom Sender zum Empfänger meist verändert und gestört. Besonders scheint dies der Fall zu sein, wenn eine Kommunikation mit dem Jenseits angestrebt wird: Die Geister der Vergangenheit nutzen das Rauschen der Kanäle.

Wäre das auch eine Idee für eine diesseitige Beschwerdekultur? Dieses Heft soll jedenfalls dazu einladen, einer Kultur des Schweren nachzuspüren.

Die Redaktion