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Ordnung ist das halbe Leben. Aufräumen schafft Ordnung - zu Hause, in Medien, Kunst, Gesellschaft und in der eigenen Geschichte. Der Romanautor Uwe Johnson begegnet der "Katze Erinnerung" mit Misstrauen: "Unabhängig, unbestechlich, ungehorsam" mischt sie sich in den Versuch, Vergangenheit zu rekonstruieren. Er macht damit deutlich, dass jegliche Ordnung, die das Aufräumen zurückbringen soll, erst dessen Ergebnis ist. Aufräumen versucht nicht nur, jedes Ding an seinen Platz zu setzen, mitunter schafft es die Dinge und Plätze erst - und das durchaus im Wortsinne. Denn auch die Produktion von Raum ist ein Aufräumprozess.
Informatik und Medientechnologien sehen das Problem des Aufräumens dagegen als eines von Signal und Rauschen: Wenn uns die Flut der Informationen im Netz zu überfordern droht, sollen technische Lösungen die relevanten Inhalte aus dem irrelevanten Hintergrund herausfiltern. Solche Lösungen finden ihre Entsprechung in der garbage collection der Informatik: Dieses automatische Auffinden nicht mehr referenzierter Inhalte spart Arbeit, erschwert aber die Kontrolle darüber, welche Speicherbereiche wann freigegeben werden. Einmal automatisiert, wird der Vorgang des Aufräumens unbeherrschbar. Im Internet, wo Referenzierungen immer Spuren von Nutzerverhalten sind, entstehen so Anwendungen, bei denen zunehmend unklar wird, wer hier aufräumt: Nutzerinnen und Nutzer oder Algorithmen. Da Algorithmen immer mehr Teil der Medien werden, die sie verarbeiten, beginnen die vernetzten digitalen Medien, sich selbst aufzuräumen.
Auf den folgenden Seiten kommen theoretische Positionen zum Aufräumen zu Wort: von Medien- und Musikwissenschaft bis zur angewandten Informatik. Künstlerinnen und Künstler stellen Arbeiten vor, die sich mit Aufräumprozessen auseinandersetzen und Ordnungen befragen. Nicht zuletzt sind die Beiträge in diesem Heft selbst einer willkürlichen Ordnung unterworfen. Die Leserinnen und Leser sind aufgefordert, mit ihr aufzuräumen.
Die Redaktion